Ed Sheeran stand am 19. September 2026 ohne Vorgruppe auf der Bühne des Lincoln Financial Field in Philadelphia. Bevor er den ersten Song spielte, wandte er sich an sein Publikum: „Ich musste schwierige Entscheidungen treffen, und ich mache Fehler, und es tut mir so, so leid.“ Er habe nie ein politischer Musiker sein wollen. Zum Krieg im Nahen Osten sagte er, was am 7. Oktober in Israel und auf dem Musikfestival geschehen sei, sei grauenhaft gewesen. Was in Gaza geschehe, sei „katastrophal, nicht zu rechtfertigen und unverhältnismäßig“.
Macklemore von der Tour gestrichen
Ausgelöst hatte die Debatte Macklemore. Der US-Rapper eröffnete am 4. und 5. September Sheerans Konzerte im MetLife Stadium in New Jersey und rief von der Bühne „Free Palestine“. Danach wurde er aus allen weiteren US-Terminen der „Loop“-Tour gestrichen. Den Anstoß gab Robert Kraft, Besitzer der New England Patriots und des Gillette Stadium: In seinem Stadion gebe es keine Bühne für Hassrede. Laut Veranstalter wollten sechs weitere Stadionbesitzer ebenfalls keine Konzerte mit Macklemore. Der Rapper schrieb auf Instagram, Kritik an Israel dürfe nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden.
Kritiker sprechen von Doppelmoral: Ye, früher Kanye West, füllt in den USA weiter Football-Stadien, allein im SoFi Stadium in Los Angeles spielte er im April an drei Abenden – ein Jahr nachdem er einen Song mit dem Titel „Heil Hitler“ veröffentlicht hatte. Großbritannien verweigerte ihm im April die Einreise, das Wireless Festival wurde abgesagt, auch Konzerte in Polen und der Schweiz fanden nicht statt. Im Januar hatte sich Ye in einer ganzseitigen Anzeige im „Wall Street Journal“ entschuldigt.
Sachsen-Anhalt: 43,8 Prozent für die AfD
Wie viel Politik die Kultur verträgt, ist auch in Deutschland eine Frage. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September kam die AfD nach dem vorläufigen Ergebnis auf 43,8 Prozent. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze fiel auf 17,2 Prozent, die SPD kam auf 9,3, die Grünen auf 8,9, die Linke auf 8,6 und das BSW auf 5,3 Prozent. Die FDP scheiterte mit 2,6 Prozent. Im Landtag hält die AfD 39 von 83 Sitzen – drei weniger als für eine absolute Mehrheit nötig. Alle anderen Parteien lehnen eine Koalition mit ihr ab. Spätestens am 6. Oktober muss der neue Landtag zusammentreten.
„Wer sind Sie?“ – die Frage nach 1932
Am Tag nach der Wahl saß Spitzenkandidat Ulrich Siegmund mit Tino Chrupalla und Alice Weidel in der Bundespressekonferenz in Berlin. Der Journalist Tilo Jung („Jung & Naiv“) fragte: „1932, also vor 94 Jahren, wurde Alfred Freyberg der erste Ministerpräsident der NSDAP in Deutschland, und zwar im Freistaat Anhalt. Ist Ihr Land einfach schon immer gemacht für historische Aufgaben, wie Sie sich das vorstellen?“ Siegmund fragte zurück: „Wer sind Sie?“ Auf Nachfrage sagte er, er wisse nicht, was in Jung vorgehe, dass er sich „mit solchen seltsamen Vergleichen“ auseinandersetze. „Das ist uns völlig egal. Wir haben in der Lebensrealität einfach andere Probleme.“
Die Schweizer Mediengruppe CH Media hat nachgerechnet: Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 kam die NSDAP im Wahlkreis Magdeburg auf 43,8 Prozent – genau so viel wie die AfD 2026. Im benachbarten Wahlkreis Merseburg waren es 42,6 Prozent, reichsweit 37,4. Der Historiker Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, erkennt „gewisse Kontinuitäten oder besser Wiederanknüpfungen“, etwa ähnliche ländliche und kleinstädtische Wählermilieus, warnt aber davor, sie zu überbewerten. Grundlegend anders seien die Ursachen, vor allem die Deindustrialisierung Ostdeutschlands nach 1990. „Die AfD ist nicht die NSDAP, und Deutschland im Jahr 2026 ist nicht die Weimarer Republik“, schreiben die Autoren. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den AfD-Landesverband seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein.
Was die AfD sagt – und was im Programm steht
In derselben Pressekonferenz sagte Siegmund über seine Partei: „Wir sind eine Partei der Freiheit. Das leben wir auch in unserem Wahlprogramm. Bei uns kann sich jeder frei und selbstbestimmt entfalten.“
Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt („Das Land zuerst“) heißt es im Kapitel Kultur (S. 55): „Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen.“ Unter der Überschrift „Kein Staatsgeld für antideutsche Kunst und Kultur!“ (S. 59 f.) steht: „Das Grundgesetz verpflichtet uns, auch solche Kunst zu akzeptieren. Das Grundgesetz verpflichtet uns aber nicht, solche Kunst zu fördern. […] Deshalb werden wir mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.“ Vereine sollen Fördergeld nur noch mit einer „Demokratie- und Patriotismuserklärung“ erhalten (S. 135).
Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Hans-Thomas Tillschneider, sagte im Mai im Landtag über das neue Kulturfördergesetz: „Sollten wir ab September im Lande die Regierung übernehmen, werden wir das Kulturfördergesetz deshalb auch nicht aufheben. Nein, wir lassen das Gesetz bestehen, wir werden es nur ein wenig ändern.“ In derselben Rede: „Kultur ist in erster Linie das, was nationale Identität spendet.“
Zum Rundfunk heißt es im Programm (S. 220 f.): „Die Rundfunkstaatsverträge werden als erste Amtshandlung gekündigt.“ Die „Zwangsgebühr“ sei abzuschaffen. Im selben Kapitel fordert die Partei unter der Überschrift „Mehr Eigenverantwortung für den Mitteldeutschen Rundfunk!“ eine moderne Struktur für den MDR.
Reaktionen aus der Kultur
Folkert Uhde von den Köthener Bachfesttagen kündigte laut MDR an, man werde „kein Geld von einer rechtsnationalen Landesregierung“ annehmen und sich um Finanzierungsquellen außerhalb des Bundeslandes bemühen. Der Deutsche Musikrat nannte das Wahlergebnis „eine politische Zäsur für die Bundesrepublik Deutschland“. Präsidentin Lydia Grün: „Musik und Kultur brauchen Freiheit, Vielfalt und Demokratie.“ Die Toten Hosen schrieben auf Instagram: „Gute Besserung, liebes Sachsen-Anhalt! Werde schnell wieder gesund.“
Ed Sheeran spielt seine Tour ohne Vorgruppe weiter. Am 25. und 26. September steht er im Gillette Stadium auf der Bühne – im Stadion von Robert Kraft.
Quellen: Bundespressekonferenz vom 7. September 2026 (phoenix); AfD Sachsen-Anhalt, Regierungsprogramm 2026; CH Media/watson, 9. September 2026; Deutscher Musikrat, 7. September 2026; MDR, 9. September 2026; bpb.





